Sie sind hier: Hauptseite > Neues

Archäologische Untersuchungen auf der Wolgaster Schlossinsel im Zusammenhang mit der Sanierung der Fähr- und Schifferstraße

von Dr. Jörg Ansorge, LAKD M-V

Die Sanierungsmaßnahmen in der Fähr- und Schifferstraße auf der Wolgaster Schlossinsel werden seit Juni 2015 durch das Landesamt für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern (LAKD M-V) archäologisch begleitet. Die Untersuchungen geben erstmalig Hinweise zur Siedlungsgeschichte und zur Bebauung des südlichen Teils der Schlossinsel (Abb. 1b).

Verschiedene historische Quellen belegen, dass die Anlage der heutigen Bebauung auf die Mitte des 18. Jahrhunderts zurückgeht (Abb. 1a). Seit dieser Zeit erschließen die Schifferstraße und die Fährstraße diesen Bereich der Schlossinsel. Die Fährstraße führt direkt auf das Peeneufer zu, wo sich bis zum Bau der Peenebrücke im Jahr 1934 die Fähre nach Usedom befand (Abb. 2). 

Im Gehwegbereich an der Wasserschutzpolizei hatte sich bis in die jüngsten Tage die Anlegeklappe des Dampfbootes „Bogislaf“ erhalten. In der landwärtigen Verlängerung des Fährbeckens konnte in der Peenestraße die aus Granitsteinen gemauerte Ufermauer des älteren Fähranlegers aus den 1860er Jahren entdeckt werden. Das Gelände nördlich des Anlegers wurde zu dieser Zeit mit Schiffsballast aufgeschüttet (Abb. 1b.1). Identifiziert werden konnten u. a. Nordseesand mit den typischen Meeresmuscheln (Abb. 3), gerundete Feuersteingerölle (Wallsteine) aus dem Süden Englands, Kreidekalk und scharfkantige Diabasbrocken vermutlich aus Schweden. Bis zum Einsatz des Dampfbootes landeten hier die flachen Prahme, der mit einem Seil über die Peene gezogenen Fähre auf dem flachen Ufer an. Im 19. Jahrhundert bezahlte man 6 Pfennig für die Überfahrt. Historische Pläne belegen die Kontinuität der Fährstelle mindestens seit dem 17. Jahrhundert, wobei die stromlinienförmig in der Peene liegende Insel im Osten und Westen um mindestens 50 m aufgeschüttet wurde.

Die Besiedlung des südlichen Teils der Schlossinsel geht, wie die des Nordteils, bis in das 12. Jahrhundert zurück, als der pommersche Herzog Wartislaw I. um 1125 das Land westlich der Peene eroberte und die Schlossinsel mit einer Burg befestigte. Die zugehörige Vorburgsiedlung dehnte sich bis in den Bereich der Fährstraße aus, wo im östlichen Bereich ein slawischer Siedlungshorizont dokumentiert wurde (Abb. 4). Diese bis zu 30 cm mächtige Kulturschicht entwickelte sich durch die Akkumulation von organischen Siedlungsabfällen auf dem eiszeitlichen Schmelzwassersand, der am höchsten Punkt bis zu 80 cm über den Peenespiegel ragt. Zu den nicht näher untersuchten, da unter dem neuen Fahrbahnaufbau der Fährstraße verbleibenden slawischen Befunden gehören ein Graben und eine Hausgrube. Zahlreiche Scherben einer dunkelgrau gebrannten, reich mit Wellenlinien und anderen Mustern verzierten Irdenware tragen wesentlich zur Datierung der Schichten bei, vertreten sind Vipperower, Teterower, Weisdiner Waren sowie Garzer Schalen (Abb. 5). Wichtigster Fund ist ein unter Kaiser Otto III. (983-1002) in Köln geprägter Silberpfennig (Abb. 6). Solche Münzen waren in den slawischen Gebieten, wo man über keine Silbervorkommen verfügte, über Jahrhunderte ein wichtiges Zahlungsmittel, das man gerne in Silberschätzen akkumulierte.









Auf dem Nordteil der Schlossinsel entstand am Ende des 13. Jahrhunderts, wahrscheinlich nach der pommerschen Landesteilung von 1295, eine Burg der pommerschen Herzöge, der Südteil der Insel blieb anscheinend bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts unbebaut.




Erste deutliche Spuren führen in die letzten Jahre der Regierungszeit Herzog Philipps I. (1515-1560) und lassen sich mit dem Brand des Schlosses im Jahre 1557 in Zusammenhang bringen. So wurde in der östlichen Fährstraße eine Brandschuttschicht direkt auf dem slawischen Kulturhorizont entdeckt, die Hinweise auf die Ausstattung des Schlosses zu dieser Zeit gibt (Abb. 1b.2). Gefunden wurden unter anderem Dachschiefer, Bleiplatten und Biberschwanzziegel von Dacheindeckungen, grün glasierte Fußbodenfliesen, Ofenkacheln aus den beheizten Gemächern, aber auch einige Steinzeugscherben von Trinkgefäßen. Weitere Indizien für diesen Datierungsansatz sind ein Lübecker Sechsling von 1552 (Abb. 7.2) sowie ein als Anhänger umgearbeiteter Göttinger Körtling von 1531 (Abb. 7.1). Eine Rarität im norddeutschen Raum, die auch diesem Zeithorizont zuzuordnen ist, ist eine Salzburger 2 Pfennig Münze von 1566 (Abb. 7.4).

Der Neubau des Schlosses führte ab um 1560 auch zu einer Bebauung des südlichen Teils der Schlossinsel. Schriftquellen und Pläne berichten unter anderem von der Existenz eines herzoglichen Marstalls, eines Jägerhauses und weiterer Gebäude, von denen aber weder die genaue Lage noch Größe bekannt waren.

Im Zuge der baubegleitenden archäologischen Untersuchungen wurden die Fundamente von zwei massiven Gebäuden in der Schiffer- und Fährstraße entdeckt (Abb. 1b.A-B). Beide Gebäude hatten eine grundsätzlich von den heutigen Bebauungsfluchten abweichende Orientierung. Sie verschwanden nach ihrem Abbruch in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts aus dem Stadtbild und wurden teilweise bei der planmäßigen Anlage von Fähr- und Schifferstraße überbaut. Überreste der Fundamente befinden sich nicht nur unter dem Straßenkörper, sondern auch unter den Privathäusern und den zugehörigen Höfen (Abb. 8-9). Die 90 cm breiten mauerwerkstechnisch sehr ähnlichen Gründungen von beiden Gebäuden waren aus Feldstein-Backstein-Mischmauerwerk mit einem sehr harten Kalkmörtel errichtet und damit zur Aufnahme massiver 60 cm breiter Mauern geeignet.

Das als Marstall gedeutete Gebäude in der Schifferstraße war mindestens 50 m Nord-Süd lang und fast 11 m breit. Es stand ursprünglich auf Baulandgewinnungsschichten am südwestlichen Ufer der Schlossinsel, das hier sukzessive über die Jahrhunderte nach Westen vorgeschüttet wurde. Der nördliche Giebel des Marstalls befand sich auf Höhe des Hauses Schifferstraße 17 (Abb. 10), der südliche Giebel liegt wahrscheinlich unter dem Haus Nr. 13. An der Südwand des Hauses Schifferstraße 11 wurde in Verlängerung der Flucht der Nordwand des Marstalls ein Fundamentabschnitt entdeckt, bei dem es sich möglicherweise um den Abschnitt einer massiven Umfassungsmauer der südlichen Schlossinsel handelt (Abb. 1b.3), genau wie ein Fundamentabschnitt auf der platzartigen Erweiterung nordwestlich des Hauses Schifferstraße 1 (Abb. 1b.4). In den sandigen Erhöhungsschichten auf denen der Marstall errichtet wurde, fanden sich unter anderem ein Rostocker Schilling von um 1550-1562/65 (Abb. 7.3) und ein größerer Komplex Ofenkacheln, die wahrscheinlich nach dem Brand von 1557 hierher als Bauschutt verbracht wurden. Es handelt sich bei den Kacheln aus der Mitte des 16. Jahrhunderts einerseits um rot gebrannte, von einheimischen Töpfern gefertigte Kacheln und andererseits um bunt glasierte Kacheln mit einem weißen Scherben, die offensichtlich aus Mittedeutschland eingeführt wurden. Die weißen Ofenkacheln zeigen als Motive unter anderem die Bilder alttestamentarischer Tyrannen nach einem ab 1531 gedruckten Holzschnitt von Erhard Schön, die Portraits des hessischen Landgrafen Philipp und seiner aus sächsischem Hause stammenden Gemahlin Christine (Abb. 11), nach Holzschnitten von Hans Brosamer aus den 1530-40er Jahren. Ferner fanden sich Bekrönungskacheln, die zusammen mit den Reliefkacheln möglicherweise von einem Ofen aus den herzoglichen Gemächern stammen. Dies wird umso wahrscheinlicher, da Philipp I. seit 1536 mit Maria (1515-1583), der Tochter des sächsischen Herzogs Johann des Beständigen (1468-1532) verheiratet war und er sich aufgrund der familiären Verbindungen die weißtonige, unter anderem aus den sächsischen Residenzstädten Wittenberg und Halle bekannte Tyrannenserie bei Töpfern in Bad Schmiedeberg bestellte, wo diese Kacheln auch als Töpferabfall belegt sind. Denkbar ist auch, dass die beim Schlossbau in Wolgast beschäftigten sächsischen Baumeister die ihnen aus der Heimat bekannten Kacheln für Öfen am Wolgaster Schloss im Auftrag des Herzogs orderten.

In der Fährstraße wurde etwa zeitgleich mit dem Marstall ein weiteres massives Gebäude von etwa 35 m Länge (Nord-Süd) und 10 m Breite gebaut (Abb. 1a.B). Der südliche Giebel befindet sich an der Treppe des Hauses Nr. 20. Der Kernbau besaß im südlichen Teil einen kleinen Ziegelgemauerten Keller, dessen Fußboden sehr sorgfältig mit Ziegeln ausgelegt war. Dieser Keller wurde aufgrund kleinerer Ziegelformate wahrscheinlich erst im 17. Jahrhundert eingebaut und spätestens beim Abbruch des Gebäudes im frühen 18. Jahrhundert mit Lehm und Bauschutt verfüllt. Zugang zum Keller bestand über eine gemauerte Treppe aus dem Gebäudeinneren (Abb. 12). Nach Nordwesten wurde das Gebäude wahrscheinlich zweiphasig verlängert, wobei zu diesen Bauphasen keine näheren Angaben möglich sind, da das Mauerwerk hier tiefgründiger abgebrochen war. Ein weiterer, flach gegründeter jüngerer Anbau bestand nach Nordosten. Die Funktion des Gebäudes kann anhand der archäologischen Befunde und Funde nicht erschlossen werden. Denkbar ist, dass es sich aufgrund der Nähe zum Fähranleger um ein Gast- oder Fährhaus gehandelt hat. Ob solch eine Nutzung auch für die Herzogszeit anzunehmen ist, muss offen bleiben, da für diese Zeit weder gesicherte Informationen über die Lage der Fährstelle, bzw. deren Zuwegung bestehen. Vielleicht sind die hier gefundenen Münzen, ein Schilling des Erzbischofs Theodor von Paderborn von 1612 (Abb. 13.1) und ein Schilling Herzog Ernsts IV. von Schauenburg von 1604 (Abb. 13.2) ein Indiz für die angestellten Überlegungen.

Nachdem das Pflaster in der Fähr- und Schifferstraße wieder geschlossen ist, sind darunter auch die Ruinen des einstigen Wolgaster Glanzes wieder verschwunden. Durch die archäologischen Untersuchungen konnte so manch Vergessenes aus der Wolgaster Stadtgeschichte aufgedeckt und dokumentiert werden. Die Fundamente und Erdschichten verbleiben als Bodendenkmal unter dem Fahrbahnaufbau künftigen Generationen erhalten, bis dieses Archiv eines Tages vielleicht wieder geöffnet wird.